S-Bahn-Momente.

Es ist Mittwoch, kurz nach vier und schon stockdunkel. Die S-Bahn hält in Neukölln und durch das Fenster siehst du sie schon genau: die Art von S-Bahn-Passagieren, bei denen dein Herz beginnt, schneller zu schlagen. Nicht vor Freude, sondern vor Angst. Verdreckte Kleidung, aber dennoch mit teuren Goldketten behangen, die Mützen tief ins Gesicht gezogen, die eine Hand irgendwo in der Hosentasche, die andere umklammert eine halbvolle Bierflasche. Sie sind immer mindestens zu zweit unterwegs und setzen sich immer ausgerechnet neben dich. Murphys Gesetz. Allein an ihrer Ausdrucksweise und der Wortwahl erkennst du, dass sie gerade nicht zum Spaßen aufgelegt sind. Deine Befürchtungen bestätigen sich, sie fangen sofort an, den alten Mann schräg gegenüber anzupöbeln. Grundlos. Vielleicht hat er sie eine Sekunde zu lange angeschaut, vielleicht passt ihnen aber auch einfach sein grüner Jägerhut mit der Feder nicht. Dir wird übel, da die Menge an schlechtem Parfum den Alkoholdunst und den Schweißgeruch der beiden nicht übertünchen kann. “Schau sie nicht an, schließ einfach die Augen und warte ab, bis sie aussteigen.”, denkst du dir leise. Doch ignorieren kannst du sie nicht, zu groß ist die Unsicherheit, der Drang, wissen zu müssen, was sie gerade tun, wo ihre Hände, ihre Blicke sind, ob sie vielleicht dich im Visier haben. Du beobachtest mit halb geöffneten Augen ihr Spiegelbild in der Fensterscheibe, siehst ihre glasigen Augen und den aggressiven Ausdruck darin. Dein Herz hämmert stark gegen deine Brust und du befürchtest, dass sie es hören und auf dich aufmerksam werden könnten. Nach drei Stationen – dir kommt es wie eine halbe Ewigkeit vor – stehen die beiden endlich auf. Der eine rempelt dich am Knie an, es tut weh und du beißt dir auf die Lippen. Als die beiden draußen auf dem Bahnsteig stehen und die Türen sich schließen, scheint es, als würde der gesamte Pulk an Passagieren gemeinsam vor Erleichterung aufatmen. Du machst deinen iPod an, schließt die Augen und kannst dich für den Rest der Fahrt endlich entspannen.

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